Bewerbungsrede auf der Kreismitgliedsversammlung…

… von Bündnis 90 / Die Grünen Hameln-Pymont. Gehalten am 10.1.2019 in Coppenbrügge. Es gilt das gesprochene Wort.

Liebe Freundinnen und Freunde,

in den vergangenen Wochen hatte ich Gelegenheit Einige von Euch näher kennenzulernen. Zum einen Britta und den Kreisvorstand, aber natürlich auch Lidia und Ludwig hier aus Coppenbrügge. Dieses Kennenlernen stand unter einem sehr guten Stern und wir hatten schon viel Freude bei den diversen Treffen.

Und deshalb möchte ich mich schon jetzt bei Euch bedanken, dass ich mich hier und heute vorstellen darf.

Anders als vielleicht erwartet, möchte ich heute wenig Programmatisches oder Inhaltliches zu Coppenbrügge sagen. Zum Einen können das Lidia und Ludwig viel besser als ich, zum Anderen würde Euch das bei der Entscheidung die Ihr zu fällen habt nicht viel nützen.

Ich will Euch vielmehr etwas über mich selber erzählen, damit Ihr einschätzen könnt was mich bewegt oder antreibt.

Ich wurde 1962 in Frankfurt am Main geboren, ich gehöre damit nicht nur zur sogenannten Generation der babyboomer sondern auch der „der Kinder der Kriegskinder“. Obwohl mir das erst vor einigen Jahren bewusst wurde hat es mich doch intensiver geprägt als ich dies zuvor erwartet hatte. Mir bedeuten alte Dinge etwas, alte Bauernhäuser zu Beispiel. Bei der Diskussion im Kreistag über den Beitritt des Landkreises Hildesheim zum Baukulturdienst Weser-Leine wurde mir wieder einmal deutlich, welche baulichen Schätze wir im ländlichen Raum haben.

Meine früheste Kindheit in Frankfurt in den 1960er Jahren war von einer unglaublichen Umweltverschmutzung geprägt. In der Luft die Abgase der Chemischen Werke Hoechst. Auf den Flüssen riesige Schaumberge. Die Geschichten meines Vaters, man hätte in seiner Jugend noch in den Flüssen schwimmen können, erschien mir wie ein Märchen aus längst vergangenen Zeiten.

Von 1968 bis 1981 besuchte ich die Freie Waldorfschule in Frankfurt am Main. Eine sehr prägende Zeit, die mich breit auf mein weiteres Leben vorbereitete. Und um die Frage gleich zu beantworten, ja ich kann meinen Namen Tanzen, mache es aber jetzt nicht vor.

In dieser Zeit, es muss Weihnachten 1973 gewesen sein, schenkte mir meine Oma dieses Buch (Das große Reader’s Digest Jugendbuch, 14. Folge, Verlag Das Beste, Stuttgart, 1973, ISBN 3-87070-053) in dem sich ein Artikel findet, der mich nachhaltig verändert hat. Der Artikel mit dem Titel „Muss die Erde sterben?“ wurde vom damaligen, noch recht jungen, Leiters des WWF in der Schweiz, Roland Wiederkehr verfasst. In energischen Worten alarmierte er die Jugend dieser Jahre und weckte auch bei mir das Interesse an nachhaltiger Politik.

Mark Twain wird der folgende Satz zugeschrieben: Vorhersagen sind schwierig, ganz besonders aber, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen. Trotz einiger inhaltlicher Mängel, sind viele Passagen des Artikels, noch heute aktuell.

Der Abschnitt, „Die Sache mit der Luft“, S 157 ff: behandelt den Klimawandel, damals noch in der Schwebe ob es eher in Richtung Eiszeit oder Warmzeit gehen würde. Dort heißt es:

Das CO2 legt sich wie ein unsichtbarer Mantel Dieser Mantel hat eine seltsame Eigenschaft‚ Er wirkt wie das Glasdach eines Treibhauses. Die Sonnenstrahlen fallen ein, die Wärme aber kann nicht mehr entweichen. Durch diese Treibhauswirkung erwärmt sich die Erdatmosphäre langsam; wenn ihre Durchschnittstemperatur nur um einen halben Grad gestiegen sein wird, werden

die Eiskappen der Pole zu schmelzen beginnen, Die Meere würden ansteigen, die meisten Weltstädte an ihren Küsten in einer jämmerlichen Sintflut untergehen.

Wenn der CO2-Anstieg in unserer Atmosphäre gestoppt werden könnte, hätte dies sofort eine genteilige Wirkung. Staub und Ruß bestehen aus winzigen Teilchen, die sich in der oberen Erdatmosphäre bereits zu einem immer dicker werdenden Staubschleier verdichtet haben. Die Teilchen werfen einen Teil des einfallenden Sonnenlichts ins Weltall zurück, (…)

Durch die Reflexion der Sonnenstrahlen erhält die Erde weniger Wärme‚ die Luftschicht unter dem Staubschleier und die Erde kühlen sich ab.

(…)

Zur Zeit befinden wir uns daher in der recht sonderbaren Lage, daß die Gefahr der Erwärmung der Erde durch immer mehr Kohlendioxyd der Gefahr einer Abkühlung durch immer mehr Staub und Ruß aus Millionen Schornsteinen die Waage hält: ein künstliches, zufälliges Gleichgewicht. Ein gefährliches Gleichgewicht!

Heute scheint die Sache deutlich entschieden, schließlich eilen wir von einem Jahreswärmerekord zum nächsten. Lauscht man aber genauer hin, so finden sich schon etliche technokratische Stimmen, die mittels Einleitung von Schwefeldioxid in die Hochatmosphäre genau das beschriebene „Gleichgewicht“ herstellen wollen.

Wie wollte der Autor die Frustration seiner jugendlichen Leserinnen und Leser vor einer ungewissen Zukunft vermeiden? Er schreibt (S. 165)

Dringend gesucht:

Junge Leute, die denken können

Es scheint‚ daß die Jungen von heute in einerrecht seltsamen Übergangszeit leben. Da gibt es diejenigen, die mit dem Strom schwimmen, die bei jedem letzten Modeschrei die ersten sind, die mitschreien, denen nur das Neueste vom Neuen gut genug ist, die sich zu vollkommenen Konsumidioten verformen lassen‚ zur Freude all derer, die an ihnen verdienen.

Da sind aber auch die anderen, die kritischen, die schon gemerkt haben, daß mit einer Gesellschaft, die zur Hauptsache aufs Geldverdienen aus ist, auf die Dauer nicht viel stimmen kann. Die spüren, daß sich Glücklichsein oder Nichtglücklichsein im Leben nicht mit Banknoten und Konsumgütern messen läßt, kurz: die selber denken können und nicht auf Halbwarmes, Vorgekautes angewiesen sind. Diese Jungen sind es, die durch ihre Fähigkeit zu erkennen, was heute noch falsch gemacht wird. eine Zukunft vorbereiten helfen könnten. vor der man keine Angst haben muß.

Und dann fordert er zum Handeln auf (S. 166) „Wer in Deutschland (…) bessere Umweltbedingungen sorgen“.

Wer in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich stimmen, wählen

und denken kann, hat es in der Hand, denjenigen seine Stimme zu geben, von denen er weiß, daß sie die Probleme kennen und entsprechend handeln werden. Und durch Einsprachen in seiner Gemeinde und an seinem Arbeitsplatz kann er für bessere Umweltbedingungen sorgen

Also das hat für mich das Fundament gelegt mich politisch in unserem Land und für unser Land zu engagieren und so bin ich dann nach meinem Schulabschluss, Zivildienst und Auslandsaufenthalt 1984 Mitglied bei den Grünen geworden.

Zusammen mit meiner Frau Anette, die leider heute hier nicht sein kann, gründeten wir beide als Kreisvorstandsmitglieder im KV Breisgau-Hochschwarzwald (das ist der Landkreis der um Freiburg herum liegt), viele Ortsverbände, es war die Aufbruchszeit der Grünen.

Studium, Ausbildung, Beruf, unsere dann auch bald wachsende Familie (unsere beiden Kinder sind erwachsen und derzeit im Studium), zwang uns zu einigen Sprüngen durch die Republik, erst nach Hamburg, dann ins Emsland und zuletzt nach Hildesheim.

Im emsländischen Sögel war ich Kreisvorsitzender des kleinsten Kreisverbandes der Niedersächsischen Grünen, dem KV Emsland-Nord. Bei CDU-Wahlergebnissen von damals stets nahe 70% ein hartes Brot. Die Mandatsvergabe nach D’Hondt machte mir damals einen Strich durch das Gemeinderatsmandat.

So hat es dann mit dem Kommunalmandat bis 2008 gedauert, denn Hildesheim hat mir alle Türen geöffnet. Und jetzt bin ich schon seit 10 Jahren Kreistagsmitglied. Sehr überraschend kam für mich das Ergebnis der Kommunalwahl 2011 in meinem Stadtteil, der Nordstadt. Mit 47,5% (die SPD trat nicht an) verpassten wir knapp die absolute Mehrheit und ich wurde Ortsbürgermeister der Nordstadt. Noch viel überraschender war für mich allerdings meine Wiederwahl 2016 in dieses Amt. Denn 2016 war die Konstellation eine gänzliche andere als 2011. Die CDU und die FDP, die mich 2011 nicht wählen wollte, haben dies 2016 getan.

Dies werte ich als Indiz meiner Fähigkeit Menschen in ihrem politischen Handeln ernst zu nehmen und weit über den Grünen Kern hinaus Menschen von nachhaltigen Zielen in der Politik zu überzeugen.

Diese Summe meiner Lebenserfahrung, insbesondere meine kommunalpolitische Erfahrung der letzten 10 Jahre, möchte ich gerne mit Euch in den Wahlkampf um das Bürgermeisteramt in Coppenbrügge einbringen.

Die Begründung, warum ausgerechnet Coppenbrügge, wo weder ich den Flecken, noch der Flecken mich kennt, ist so vielschichtig, dass ich sie hier und heute in der Kürze der Zeit nicht geben kann. Nur soviel, wir Grüne sind in der Pflicht an möglichst jeder Stelle im Land geeignete personelle Alternativen anzubieten und das ist Teil meiner Motivation.

Ich möchte mit Euch im Wahlkampf deutlich machen, dass wir es ernst meinen, dass man es uns zutraut ein gutes Ergebnis einzufahren und das die Menschen mir dieses Amt auch persönlich zutrauen.

Das bedeutet aber in einem ganz besonderen Maße auf Menschen zuzugehen, die ihr Kreuz unter normalen Umständen nicht bei Grün machen würden. Es bedeutet die Diskurse mit diesen Menschen aufzunehmen und es bedeutet auch bei etlichen Grünen Themen „fünfe gerade sein zu lassen“.

Letzteres heißt nicht etwa unsere Werte zu verraten, ganz im Gegenteil.

Denn wir sind mehr als andere Parteien „die“ Partei des Grundgesetzes und der pluralen Demokratie. Und deshalb werden wir deutlicher als in anderen Wahlkämpfen unser Basisthema „Sicherung der pluralen Demokratie“ nach vorne zu stellen haben.

Wir wollen beispielsweise, dass sich mehr Menschen an unserer Demokratie beteiligen. Wir wollen beispielsweise, dass junge Menschen eine echte Perspektive erhalten und wir wollen das Frauen endlich ihren grundgesetzlich garantierten Platz in der Gesellschaft einnehmen können.

Wie das in Coppenbrügge umgesetzt werden kann, wird während des Wahlkampfes entwickelt werden.

Ein einzelnes Thema will ich aber schon heute herausgreifen, dass ist das Format der sogenannte „Zukunftskonferenz“.

Dieses Format ist meiner Erfahrung nach wie kein Anderes in der Lage die Beteiligung von Menschen an unsere Demokratie zu forcieren, ohne dem plumpen Populismus der Vereinfachung in die Falle zu gehen. Ich habe es 2012 in der Nordstadt im Rahmen der Gemeinwesenarbeit live erlebt, wie Menschen aus den unterschiedlichsten Ecken der Gesellschaft, mit ihren unterschiedlichsten Meinungen, sich einem Thema annähern, Ideen entwickeln und zu Kompromissen fähig sind. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der überschaubaren Größe der Gruppen und in einer guten Moderation.

So – fast möchte ich sagen nur so – lassen sich auch die großen Themen auf die kommunale Ebene bringen und zu langfristig tragfähigen Beschlüssen führen.

Bleibt mir nur noch das Schlusswort:

Ich möchte mit Euch gemeinsam, in Coppenbrügge und für Coppenbrügge ein Zeichen für die Vitalität unserer pluralen Demokratie setzen.

Ich möchte, dass wir am Wahlabend, am 26. Mai, völlig unabhängig vom Ergebnis, uns in die Augen schauen können und sagen können, dieser gemeinsame Einsatz, der war es Wert!

Foto: Michael Maxein

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